Alte Kneipe und neuer Kult: das "Lommerzheim" als Legende

Ausschnitt des Covers, das ein Pappmodell des alten "Lommerzheim" zeigt.

Ausschnitt des Covers, das ein Pappmodell des alten "Lommerzheim" zeigt.

Trockenübung mit Muße

Wie lässt sich dieses Paradoxon auflösen zwischen verbrauchtem Möbilliar, schlechter Luft, langen Wartezeiten beim Kölsch und dem absoluten und sich stets von neuem einstellenden Wohlgefühl, das einen dort umgibt?

Es ist ein kölsches, gar ein katholisches Buch, was ich direkt vorabschicken will. Soll jeder wissen, worauf er sich einlässt. Das lokalselige Grundrauschen mag das Lesepublikum stark einschränken, aber die verbleibenden Wenigen werden viel Spaß haben. Der Blog-Autor macht jedoch deshalb eine Trockenübung, räsoniert lesend im heimischen und nicht im Bier-Garten, mit der Bierflasche auf dem Tisch und nicht mit der Kölschstange in der Hand über: "Lommerzheim ... die Legende lebt".


Dieser obergärige Abstand tut nur Gutes zur Sache, weil es dem Beitrag um das Buch geht und nicht um die traditionsreiche und vielfach gerühmte Kölsch-Kneipe namens "Lommerzheim", auch liebkosend kurz "et Lommi" genannt, die das Buch in einer Prozession aus Kurztexten umkreist.

Nehmen wir in einem ersten Schluck die Formalia zu uns. Anfang des Jahres veröffentlicht der Pellens Verlag das rund 200 Seiten starke Stück Kneipenbegeisterung. "Lommerzheim ... die Legende lebt" tritt einerseits die Nachfolge des 1997 aufgelegten und mittlerweile vergriffenen "Lommerzheim – Kleines Glück op Kölsch" an. Andererseits gibt es sich ein wenig selbstverliebt aber engagiert der Kultpflege des Deutzer Kölsch Mekkas hin.

Das Buch von 1997 brauchte die Kneipe noch nicht als Kultinstanz verstehen, um dem Objekt kölscher Begierde zu huldigen. Das jüngst erschienene "Lommerzheim" macht jedoch mit dem Untertitel ernst und verschreibt sich der Legendenbildung. Munter zusammengetragene und ebenso munter gemeinte Anekdoten sind der Schaum auf diesem Bierbuchglas – mir nur leider zuviel.

Kölsch & Kneipe, Kirche & Karneval

Besser liest es sich, sobald es die Ebene nacherzählter Begebenheiten verlässt und bierklar zu sinnieren beginnt. Wie lange dauert es eigentlich, bis Renovierungsstau und Veränderungsunlust des Wirtes eine Gaststätte plötzlich wieder attraktiv authentisch erscheinen lassen? Wie lässt sich dieses Paradoxon auflösen zwischen verbrauchtem Möbilliar, schlechter Luft, langen Wartezeiten beim Kölsch und dem absoluten und sich stets von neuem einstellenden Wohlgefühl, das einen dort umgibt? Löst man so Mode- und Wohlstands-Schischi in archaisches Wohlgefallen auf? Das sind doch Thesen, die ein, zwei Gläser Kölsch lang zu bedenken wären – und bei Päffgen Kölsch erst recht. Doch der nächste Biergarten und die Freundesrunde sind fern.

Solche Passagen waren mir also die liebsten – nur leider zu wenige. Aber in Köln mag man legendenträchtige Geselligkeit, weil man sich selbst mag, auf das schratig Merkwürdige steht, das man im Karneval nur oberflächlich abfeiern kann, weil man eben so ist als echte Kölsche. Warum aber wirkt das Kneipen-Buch dabei so katholisch? Was übrigens in Köln bis heute kein Makel ist, sondern gern gesehenes Attribut für Kulturarbeiter jeglicher Art, siehe Böll, Millowitsch und Lukas Podolski.

Es ist eine heiligenartige Verehrung, die die bezeugenden Autoren dem Wirt entgegenbringen. Ihre Erlebnisse vor Ort werden zu Bekenntnissen, beschreiben Entzückung im religiösen Sinne, Erlösung inklusive. Bemerkenswert auch die stolze Freude, mit der auf Reliquien eingegangen wird: vom einfachen Bierdeckel mit der Strichliste der konsumierten Kölsch bis zum sorgfältig konservierten Knochen des letzten Koteletts vom letzten Tag, der es sogar bis ins Stadtmuseum geschafft hat. Und sicherlich ist es der Glaube an einen kölschen Heiligen Geist, der eben nur an solchen Orten wie dem "Lommerzheim" erscheint. Was mir wiederum sehr sympathisch ist, wenn gleich ich viel zu wenig katholisch bin, um das zu beurteilen oder gar zu beweihräuchern. Da hilft also nur selbst lesen.

Schnelldurchgang

Für alle anderen noch der Schnelldurchgang:  "Lommerzheim ... die Legende lebt" rückt die Wirtsleute Annemie und Hans Lommerzheim und ihre von 1959 bis 2004 betriebene Gaststätte "Lommerzheim" in den Mittelpunkt. Viele, eher kürzere Texte tragen Anekdoten und Informatives, Sentimentales und Kluges rund um die zum "Kult" erklärte Kneipe zusammen. Dabei rückt es vor allem den meist schweigenden Wirt in den Blick, dessen Mutterwitz und Schlagfertigkeit zwar nur gelegentlich, dann aber mit karger Wucht aufblitzen. Der eigentlich Held des Buches ist jedoch die Begeisterung der Gäste des "Lommerzheims" und ihr Bekenntnis zu einem Gasthaus, das eben nicht mit stylischer Inneneinrichtung und dauerlächelnder Servicequalität punktet, sondern als ein Ort kölscher Bierseligkeit wie es keinen zweiten in der Rheinmetropole gibt. Amen.

Ich empfehle, alle Vorworte und Danksagungen auszulassen und die eingesparte Zeit auf die nahezu familiär wirkenden Fotografien von Erwin Timmerbeil und Oliver Henn zu verwenden. Und wer sich selbst ein Bild machen will, muss halt den Weg in die Deutzer Siegesstraße finden, ins neue alte "Lommerzheim".


Lesend verkostet

"Lommerzheim ... die Legende lebt"
Pellens Verlag, Bonn, 2016
ISBN 978-3-9810534-7-0

(aeg/ms)

Ausschnitt des Covers, das ein Pappmodell des alten "Lommerzheim" zeigt.

Ausschnitt des Covers, das ein Pappmodell des alten "Lommerzheim" zeigt.

Trockenübung mit Muße

Wie lässt sich dieses Paradoxon auflösen zwischen verbrauchtem Möbilliar, schlechter Luft, langen Wartezeiten beim Kölsch und dem absoluten und sich stets von neuem einstellenden Wohlgefühl, das einen dort umgibt?