"Schluck", "Warum wir Wein machen" & Facebook: Eine zufällige Sammelrezension zur Weinpublizistik

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In "Schluck" kommt ein anderes Grundverständnis von Weintrinken daher, das ein Stück handelsüblicher Etikette bei Seite rückt, aber eben auch andere Themen und Ansichten offenlegt.

Die Historie der Weingüter erzählt Fritz Richter gut und gern. Dagegen wirken die Angaben zu Lagen und Rebsorten, vor allem aber der Aspekt der Klassifizierung stets etwas pflichtgeschuldet.

Mangelnde Vielfalt kann man der Weinpublizistik in Deutschland nicht unterstellen. Die Frage nach der Güte der Beiträge in Zeitungen und Magazinen, Büchern und Blogs ist dadurch noch nicht beantwortet. Randbemerkungen eines Rezensenten zu drei Fundstücken.

Nach der Berliner Naturweinmesse im Dezember schlug das Thema vin naturel schaumgekrönte verbale Wellen. Sammelten Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und in Blogs noch fleißig Argumente und Beurteilungen ein, strudelte die Diskussion auf Facebook nach kurzer Zeit mehr um den vorgeblichen Ethos und die tatsächlich gekränkte Eitelkeit der Autoren als um den praktizierten Ethos der Naturwinzer und die sensorische Beschaffenheit ihrer Weine.

Was den erfahrenen Facebook-User nicht mehr befremden kann, hinterlässt den am Wein Interessierten hingegen recht ernüchtert. Das ist sozial-medialer Alltag und wenig spannend. Aber die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet. Wo informieren sich Weinfreunde in diesen crossmedialen Zeiten? Wer gibt den Ton – und vor allem welchen – an? Die einschlägigen Printmagazine haben unstrittig an Bedeutung verloren, betreiben aber behäbig und eingefahren weiter ihr Geschäft. Blogger schieben sich in die erste Reihe, zumal einige von Ihnen eben auch für Printtitel schreiben und dadurch eigene Präsens und Leserschaft aufbauen. Mit den Blogs, Gruppen und Foren ist eine größere Subjektivität (wein)salonfähig geworden, was dem Beurteilen und der intelligenten Diskussion von Wein zunächst sehr zuträglich ist, aber sich leider und nur zu oft dann doch in meinungserregtem Parteigängertum oder – in der Leserperspektive – freudig gewollter Jüngerschaft erschöpft.

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Überraschenderweise gelingt es den etablierten Weinmagazinen aber nicht, mit alter redaktioneller Stärke und neuer Ansprache das Antidotum zu diesen, an den Gestaden der Beliebigkeit auslaufenden Erregungswellchen zu liefern. Und so werden sie in selbstverschuldeter Unmündigkeit noch weiter an Bedeutung im Weindiskurs verlieren. Clever, von diesem Punkt aus über ein alternatives Magazinformat nachzudenken – doch dazu später mehr. Ein mediale Runde gilt es nicht zu drehen.

Als 2012 Frankreich einen Comic zum Weinbuch des Jahres kürte, der die Arbeitsweise eines biodynamisch arbeitenden Winzers portraitierte, war dies in Deutschland eine Nachricht für Comic-Freunde, weniger eine für Weinliebhaber. Das bleibt schade, da gerade das "Weinbuch" ein Format darstellt, das gleichfalls als Gegengewicht zur meinungsüppigen Schnelllebigkeit des Netzes taugte. Man denke nur an die Verkaufszahlen der Kochbuch-Gilde. Allein mit der Zaghaftigkeit, welche die Verlage an den Tag legen, und der zunehmenden Marketingisierung der Buchprojekte wird dies nicht zu schaffen sein.

So ist es – wie ein geschätzter ehemaliger Kollege formulieren würde – sicherlich kein Zufall, dass in der Redaktion das Buch "Warum wir Wein machen" aus dem Ulmer Verlag und die Erstnummer des "anstößigen" Weinmagazins "Schluck" zusammenfanden. Nach der verbösen Facebook-Odyssee zum vin naturel beruhigte es bereits, beide Dinge in die Hand zu nehmen, in ihnen zu blättern, vor und zurück, sozusagen Augen und Nase schon einmal zu bedienen. Und so ist es denn eine Sammelrezension geworden.

Langeweile & Lichtblicke

"Warum wir Wein machen", der Titel klingt gut und formuliert eine Frage, die das Buch – soviel vorab – nicht recht beantwortet. Dabei liefert das Team aus Journalist, Sommellier und Fotografen eigentlich die Grundzutaten, um auch den gewählten Untertitel "15 kreative Winzer und ihre Lieblingsweine" bedienen zu können. Unter den portraitierten Winzern finden sich jedoch nur die üblichen VDP-Verdächtigen – durchaus im positiven Sinne gemeint, aber auch ein Merkmal unterlassener Chancen bei der Auswahl. Denn diesen Herren – Winzerinnen werden nicht berücksichtigt – die allesamt nicht zu den Namenlosen zählen, noch etwas Neues zu ihrer Weinphilosophie zu entlocken, ist eine müssige Aufgabe. Vom Kreativen ganz zu schweigen.

Die Historie der Weingüter erzählt Fritz Richter gut und gern. Dagegen wirken die Angaben zu Lagen und Rebsorten, vor allem aber der Aspekt der Klassifizierung stets etwas pflichtgeschuldet. Da verschenkt der Text Möglichkeiten, die dafür Fotograf David Maupilé zu entdecken versteht. Überhaupt gewinnen die Fotos, insbesondere bei den Portraits der Mitarbeiter und manchem Blick in die Weinberge, jene Weite, die man sich vom Text gewünscht hätte. In der Kombination mit den Weinbeschreibungen und den Speiseempfehlungen von Evangelos Pattas gewinnt das Buch dadurch einen bildungsbürgerlichen Nachschlag-Charakter, die sinnliche Qualität des Weines, auch seine Qualität des Rausches – wie im Vorwort eigentlich angestimmt – bleiben dagegen blass.

Somit verliert sich die Lust am Lesen und man tröstet sich mit der Lust am Schauen, da den Fotografien die trockene Vorfreude auf die beschriebenen Weine am besten gelingt. Sie sind es auch, die letztlich das Format des Buches (25 x 34,5 cm) rechtfertigen und einen Eindruck davon vermitteln, welche Effekte das Medium Buch insbesondere gegenüber Online-Titeln ausspielen kann. Andere versuchen das anders, mit mehr Konzept und in anderem Format.

Learning by Doing & Drinking

Dazu zählt – und als erstes sich selbst – "Schluck – das anstößige Weinmagazin", das im Herbst in Berlin seine Erstnummer vorstellte. Und tatsächlich, da kommt ein anderes Grundverständnis von Weintrinken daher, das ein Stück handelsüblicher Etikette bei Seite rückt, aber eben auch andere Themen und Ansichten offenlegt. Das ist anstößig an "Schluck", und nicht das Coverbild, das sich um die fotografische Übersetzung eines Weinetiketts der Charlie Hebdo-Zeichner bemüht. Aber auch das zählt zum Konzept, welches eben immer auch die eigene Geste meint.

Um so erfreulicher, dass für diesen ersten Anstoß ganz unterschiedliche Beiträger gefunden wurden, die erst einmal ausloten, woraus sich die Linie des Weinmagazins entwickeln mag. Meinungsfreudiges neben Szenereportage, Fachkundiges neben Rauschphilosophischem, das ist illuster, bringt Überraschungen, wirkt aber hier und da zu bemüht anders. So darf man sich auf die zweite Ausgabe freuen, um das Learning by Doing & Drinking mitzuverfolgen. Der Anstoß ist getan, aber das publizistische Spiel hat erst begonnen.

Mehr lesen möchte man in "Schluck" über eine alternative Sprache der Weinbeschreibung. Mehr über das sich verändernde Selbstverständnis der Weintrinker, das andere Qualitäten von Wein sucht und findet und damit erfrischend anders mit der Vielfalt von Wein umgeht als rezeptähnliche old school Weinkritiken. Und mehr schauen möchte man auch. Denn die "Schluck"-Macher haben erkannt, dass das alte Printmedium eine höhere Designverbindlichkeit garantiert als das responsive Web. In diesem Sinne ist der Schritt zurück in die Druckwelt auch ein optimistischer Schritt nach vorne in einen sich verändernden Weinjournalismus. Auch deshalb verdient die erste Nummer Respekt und die Folgeausgabe eine gewachsene Erwartungshaltung.


Zum Nachlesen:
  • Warum wir Wein machen, 15 kreative Winzer und ihre Lieblingsweine; Fritz Richter, Evangelos Pattas, David Maupilé (Fotos), Ulmer Verlag, Stuttgart, 2016
  • Schluck, das anstößige Weinmagazin; Verlag Weinadventures UG, Berlin
  • Facebook Gruppe Hauptsache Wein


In "Schluck" kommt ein anderes Grundverständnis von Weintrinken daher, das ein Stück handelsüblicher Etikette bei Seite rückt, aber eben auch andere Themen und Ansichten offenlegt.

Die Historie der Weingüter erzählt Fritz Richter gut und gern. Dagegen wirken die Angaben zu Lagen und Rebsorten, vor allem aber der Aspekt der Klassifizierung stets etwas pflichtgeschuldet.