Wein & Wandern: Spaniens unterschätzter Norden

Von Reisen durch den Norden Spaniens muss man mich nicht überzeugen, von den Weinen aus Ribeira Sacra oder Rias Baixas noch viel weniger. Hohe Berge und steile Flusstäler, wilde Küste und tolle Strände, dazu noch grandioses Essen von Meeresfrüchten bis Ziegenkäse: Die grünen Regionen Galicien und Asturien haben einiges zu bieten. Dachte sich auch Todo Vino-Kollege Sascha Brandenburg und hat daraus ein Angebot gemacht, das man nicht ablehnen kann.
Du arbeitest und lebst schon länger in Gijón, warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis du auf die Idee mit den Wanderungen und Weinreisen in der Region gekommen bist?
Gute Frage. Ich habe einige Jahre gebraucht, um den Nordwesten Spaniens selbst gut kennenzulernen: die Weinwelt, die Gastronomie, die Natur. Mittlerweile kenne ich meine Umgebung besser als viele meiner spanischen Nachbarn. Aber auf die Idee, daraus Reiseangebote zu schnüren, bin ich lange nicht gekommen. Das änderte sich, als ich immer wieder von Freunden und Bekannten hörte, dass es kaum attraktive Gruppenreisen gibt. Die wenigen hochwertigen Anbieter sind meist schnell ausgebucht und Wein spielt oft nur eine untergeordnete Rolle. Und wenn doch, werden häufig nicht die interessantesten Bodegas besucht, sondern die, die am besten Marketing betreiben: die Big Player. Für Weinfreaks sind die natürlich nicht ganz sooo spannend, auch wenn es durchaus aufschlussreich ist, mal einen große Betrieb von innen zu sehen. Jedenfalls habe ich dann angefangen, mich umzusehen und schnell gemerkt, dass es für Spanien jenseits der Rioja kaum Angebote gibt. Also dachte ich: dann mach ich das halt selbst. Nach 15 Jahren Solo-Selbstständigkeit im Bereich Redaktion und PR hatte ich auch einfach große Lust, wieder mehr mit Menschen zu arbeiten.
Ich kann in die Toskana fahren, den Douro in Portugal bewundern oder es mir in der Pfalz gut gehen lassen. Warum muss ich als Wein- und Wanderfan unbedingt nach Galicien kommen?
Die Toskana, das Douro-Tal und auch die Pfalz sind großartige Reiseziele, keine Frage. Aber es ist wie beim Wein: Man hat nicht immer Lust auf Chianti, Portwein und Riesling, so gut sie auch sein mögen. Albariño, Godello und Mencía schmecken nämlich auch ziemlich gut. Und Galicien ist wunderschön und abwechslungsreich auf eine Art, die viele überrascht. Dazu kommt: Viele galicische Regionen sind touristisch noch lange nicht so erschlossen wie etwa die Toskana. Diese Mischung aus eigenständigem Landschaftscharakter, hoher Authentizität und erstklassigen Weinen macht die Region so attraktiv für alle, die dem Slow-Travel-Gedanken anhängen.
Natürlich geht es nicht nur um Wein, sondern auch um Kulinaria. Was sollte ich unbedingt in Galicien probieren, was in Asturien?
Beide Regionen haben einen ausgeprägten kulinarischen Eigencharakter. Galicien ist berühmt für Fisch und Meeresfrüchte, wozu sehr gerne Albariño getrunken wird. In Asturien hingegen dominieren trotz Atlantikküste kräftige Fleischgerichte: die Fabada, ein deftiger Bohneneintopf, und das Cachopo, eine Art Cordon Bleu – was man hier aber nicht laut sagen darf, haha. Galicien hat auch die in ganz Spanien verbreiteten Pimientos de Padrón hervorgebracht, benannt nach dem kleinen Örtchen Padrón unweit von Santiago de Compostela. Und Asturien ist Sidra. Die gesamte einzigartige Kultur rund um den hiesigen Apfelwein wurde 2024 zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt, zu Recht, wie ich finde. Dazu kommt eine beeindruckende Käsevielfalt: Kaum eine andere spanische Region kann da mithalten.

Wer Spanien mit Mittelmeerküste und ein wenig Hinterland gleichsetzt, muss im Norden Spaniens, in Galicien und Asturien fremdeln. Was tickt in diesen Regionen sympathischerweise anders als „Vamos a la playa“?
Das Spanienbild vieler Mitteleuropäer:innen besteht immer noch überwiegend aus Madrid, Barcelona, Mittelmeer, Flamenco und Stierkampf, der übrigens in Spanien mittlerweile von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird. Das bildet die zahlreichen, sehr diversen Realitäten des Landes nicht ansatzweise ab. Der Norden mit den Regionen Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galicien unterscheidet sich sehr deutlich von Zentralspanien, das sich wiederum sehr deutlich von Südspanien unterscheidet. Durch die Lage zwischen Atlantik und Kantabrischem Gebirge herrscht im Norden ein feuchtes Klima, das mit dem Rest des Landes wenig gemein hat. Kühe, Apfelbäume, moosbedeckte Wälder, wasserreiche Bäche. Ich sage immer: eine Art Schweiz mit schöner Küste und Palmen. Und ähnlich wie in der Schweiz geht hier alles noch einen Ticken entspannter zu als im vielerorts überlaufenen Süden, wobei es in puncto Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit eher mitteleuropäisches Niveau hat. Und meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen nicht fremdeln, sondern staunen. Asturien und Galicien sind international immer noch recht unbekannt, wobei sie meines Erachtens kulinarisch und landschaftlich jedoch zu den reizvollsten Regionen Europas zählen.
Albariño und Godello, Méncia allemal, ich bin schon lange Fan dieser Weine. Was soll ich mir darüber hinaus ins Glas holen? Gib mir mal deinen „Geheimtipp“!
Oh, Geheimtipps gibt es einige, die kann ich dir aber leider nicht verraten ... sonst wären sie ja keine mehr. Aber im Ernst: Es gibt einiges zu entdecken. Zunächst lohnt es sich, die wirklich guten Albariños, Godellos und Mencías von den handwerklich und naturnah arbeitenden Weingütern zu probieren, die deutlich spannender sind als die einfachen Terrassenwein-Versionen, die man in Mitteleuropa oft im Regal findet, auch wenn die natürlich auch ihre Berechtigung haben. Dann wären da die „atlantischen" Rotweine aus den Rías Baixas, schwer zu finden, aber ein echter Tipp für alle Fans von cool climate Rotweinen sind. In Spanien sehr beliebt, aber außerhalb kaum bekannt sind die Ribeiro-Weine. Meist sind das sehr fruchtige, leicht zu trinkende Weisswein-Cuvées, aber in der Region gibt es ein paar ausgezeichnete Weingüter, die sehr spannende Tropfen mit Charakter produzieren. Und schließlich die Ribeira Sacra, die sich zunehmend wieder auf ihre autochthonen Sorten wie Brancellao und Merenzao besinnt. Das sind häufig tolle straffe Rotweine, oft aus Gemischtem Satz. Die machen richtig Spaß!
Ganz ehrlich, Wetter ist so ein Ding da oben im Norden Spaniens. Wie ist deine persönliche Regenerfahrung und -erwartung? Welche Regel gilt dabei zum Beispiel auf den Wanderungen?
Absolut. Wer im Urlaub Sonnengarantie und blauen Himmel braucht und bei Wolken schlechte Laune bekommt, sollte um Galicien und Asturien einen großen Bogen machen. Hier ist alles sattgrün, weil es häufiger regnet. Das ist auch der Grund, warum diese Regionen überwiegend touristisch entspannt geblieben sind: Große Besucherzahlen gibt es eigentlich nur im Juli und August, und die kommen überwiegend aus Spanien selbst. Denn südlich des Kantabrischen Gebirges ist es im Sommer in vielen Regionen viel zu heiß. Hier oben am Atlantik ist es angenehm mild, im Sonner nie zu heiß, im Winter nie zu kalt. Konkret heißt das: Wechselkleidung einpacken, wasserdichte Jacke, Regenschirm. Und dann wird auch mal gewandert, wenn es nieselt, das kann auch sehr schön sein. Ein weiterer Vorteil: Die heftigen Starkregen- und Unwetterereignisse, die sich in Südspanien durch die Erwärmung des Mittelmeers in den letzten Jahren häufen, sind hier oben praktisch unbekannt.

Nach so vielen Fragen: Welche habe ich dir nicht gestellt, die du gern beantwortet hättest? … und die Antwort gleich dazu bitte!
Na, dann nutze ich die Gelegenheit doch mal, um nochmal auf meine Reisen zurückzukommen. Wenn du mich fragen würdest, was eine Wein- oder Genussreise mit destino:vino denn konkret ausmacht, dann würde ich dir antworten, dass es der individuelle und persönliche Charakter ist. Wir sind in kleinen Gruppen unterwegs und besuchen ausschließlich Orte, die ich persönlich für besuchenswert und gebietstypisch halte und die die Besonderheiten der Region erlebbar machen: gute, meist kleine familiengeführte Weingüter, gute Restaurants, schöne Hotels, Begegnungen mit interessanten Menschen vor Ort usw.
Über destino:vino
destino:vino ist ein auf Nordspanien spezialisierter Reiseveranstalter mit Sitz in Asturien. Das Unternehmen bietet geführte Wein- und Genussreisen in Galicien und Asturien an.
Gegründet wurde destino:vino von Sascha Brandenburg, ausgebildeter Sommelier und Mitgründer des Spanienmagazins todovino.de, der seit Jahren in Nordspanien lebt und arbeitet. Aus dieser Verbindung von Fachwissen und persönlichem Bezug zur Region entstand das Konzept, Reisende aus dem deutschsprachigen Raum dorthin zu führen, wo kein Reiseführer hinweist.
Die Reisen von destino:vino richten sich an wein- und genussaffine Erwachsene, die authentische Erlebnisse einer konventionellen Pauschalreise vorziehen. Alle Touren werden persönlich von Sascha begleitet und auf kleine Gruppen beschränkt.
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