Der mit der Schwester tanzt

Wer sozialmedial unterwegs ist und den Algorithmus mit ganz viel #wein #vino #vin füttert, hat ihn gesehen und gehört: Vargas Arizu, den Eintänzer der Bodega Tierras Altas aus dem argentinischen Mendoza. Befragt in einem Insta-Reel nach seiner Einschätzung zu alkoholfreien Weinen, antwortete er lakonisch, alkoholfreien Wein zu trinken, sei wie mit der eigenen Schwester zu tanzen.
Gleich ob man eine Schwester oder auch einen Bruder – muss man wohl ergänzen – hat, und mit dieser oder jenem schon mal getanzt hat: Klar, worum es geht. Mit der Schwester ist eben nicht sexy, da fehlt etwas, was gutes Tanzen mit ausmacht. Meint zumindest unausgesprochen Vargas Arizu aus Mendoza. Bei seinem Paso Doble findet mit dem Wein ganz selbstverständlich der Alkohol zum Tanzpartner Mensch. Er gehört zum echten Tanzen dazu, gibt zwar nicht den Rhythmus vor, sorgt aber für Swing und Cha-Cha-Cha sozusagen. Jenseits aller Sensorik.
WeiLeiLeLuSe: about me
Eben nicht. Ich zum Beispiel bin Weintrinker mit Leib und Leber, Lust und Seele (kurz WeiLeiLeLuSe). Des Geschmacks wegen, aber auch der animierenden Wirkung halber. Umso mehr gönne ich allen anderen ihren Leib, ihre Leber, Lust und Seele als auch ihren eigenen Geschmack. Mit Vargas Arizu ausgedrückt. Wir tanzen mittlerweile halt anders, aber genauso fröhlich und zum selben, alten Lied. Gerade weil ich schon immer im real life irgendwie anders getanzt habe, muss mir das sympathisch sein. Egal was, wann in meinem Glas landet.
Das immer wieder bemühte Argument, alkoholfreie Alternativen zu Wein und Schaumwein seien nur etwas für Kranke, Schwangere und Autofahrer, um irgendwie dabei zu sein oder gesundheitsbewusst zu handeln, verfängt nicht mehr. Zumindest meiner Meinung als bekennender WeiLeiLeLuSe nach. Zwar lässt sich meine Jahrzehnte lange, alkoholhaltige und abendländische Prägung nicht leugnen. Doch wie war das bei Kant mit der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“? Jeder kann sich von sozialisierten Mustern emanzipieren, auch sensorisch und sogar rauschfrei.
Der Alte Fritz: glücklich werden
Lassen wir mal den strengen Aufklärungs-Kram beiseite, bleiben aber in der Epoche. Es geht auch einfacher, sinnlicher. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, tat einst Friedrich II. von Preußen kund. Gemeint war eigentlich die Religion, doch übersetzt auf den aufgebauschten Disput zwischen alkoholhaltigem Wein und alkoholfreier Alternative bedeutet dies: Soll doch jeder tanzen, wie er und mit wem er will. Es lebe der Tango der Toleranz.
Michael Stolzke / Auf ein Glas
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