Weinliteratur: illustrierter Hin- und Verführer

Weinliteratur: "Wein – vom Einsteiger zum Kenner"

In Frankreich zählt es zu den meistverkauften Weinbüchern. Jetzt ist der illustrierte Guide von Ophélie Neiman auf Deutsch erschienen. Ebenso ernst im Inhalt wie locker in Aufbereitung und Tonfall, auch dank der illustrierenden Begleitung von Yannis Varoutsikos.

Über Wein zu schreiben, Wein zu erklären oder gar für den individuellen Genuss aufzuschlüsseln, erweist sich als kein einfaches Unterfangen. Das ist nicht allein der Komplexität der Materie geschuldet: von Machen bis Schmecken, von Genießen und Investieren bis zur kultivierten Weinetikette. Es liegt auch an unserer Begrenztheit. Schluck! – hieße es da wohl in einem Donald Duck Comic. Umso mehr horche ich auf, wenn ein neues Buch erscheint, das sich genau dieser Mission verpflichtet fühlt. Ganz persönlich, aber auch beruflich, schließlich schlage ich mit dem Podcast „Bei Anruf Wein“ in dieselbe Kerbe. Wie macht sich also Ophélie Neiman mit ihrem „Wein – vom Einsteiger zum Kenner“ als Weinerklärerin? 
 

Mission Wein & Einsteiger mit Ambitionen

Eines vorab, Ophélie Neiman meint es ernst. Das Spektrum, das sie mit ihrem Weinwissen aufmacht, entspricht dem kompletten Programm, insofern wir über Einführungs- und Basisliteratur zum Wein reden. Das mit den Büchern, die sich exklusiv einer Rebsorte, einer Region oder gar einem einzelnen Anbaugebiet hingeben, steht auf einem anderen publizistischen Blatt. Dieser „illustrierte Guide“ ist speziell für Einsteiger mit Ambitionen geschrieben. Also für alle, die Wein probiert und Feuer gefangen haben, und nun die Lust verspüren, endlich mehr über Wein zu wissen. Aber wie anfangen und welchen Pfad durch das Dickicht des Fachwissens schlagen?

Das „Wein“-Buch aus dem Dorling Kindersley Verlag geht da seinen eigenen Weg. Den mag man mögen oder nicht, aber letztlich ist er schnell zu verstehen und darum geht es. Am Beispiel von sechs Personen, die jeweils einer Wein-Mission folgen, liefert der Guide seine Info ab. Von „Julia organisiert eine Feier“ bis „Paul kauft einen Wein“ arbeiten sich die Kapitel an allen essentiellen Themen ab. Das geht natürlich nur bis zu einer gewissen Tiefe. Ob man, mit diesem Wissen ausgestattet, sich Kenner nennen darf, mögen andere diskutieren. 
 

Schmecken, lesen & schauen

Mit dem Buch ist ein Wein-Anfang gemacht und zwar ein guter. Eben, weil das Buch nicht von Anfang bis Ende durchgeackert werden muss, sondern es verschiedene Einstiege in das Thema eröffnet. Du willst erst einmal alle Angaben auf einem Weinetikett verstehen? Dann beginne mit der Geschichte von Paul. Dein Zugang erfolgt eher über das Anbaugebiet oder die Rebsorte? Da helfen Caroline und Niklas weiter. Das Buch ist keine Trockenübung, sondern darf ruhig neben dem Glas liegen, um im Momentum des Schmeckens noch einmal nachzuschauen. Keine schlechte Art, Wein zu lernen.

In diesem Sinne ist der illustrierte Guide gleichermaßen Hin- wie Verführer. Bei aller Kompaktheit der Infos verliert sich die nie die simple Lust auf einen guten Wein. Und daran haben die Illustrationen von Yannis Varoutsikos keinen geringen Anteil. Mal nüchtern, wenn es um Karten und Übersichten geht, mal im Cartoon Stil, wenn die „Schenkel“ eines Weintyps vorgezeigt werden. Mitunter wird es etwas schwierig bei den Aromen. Wie illustriert man Bratensauce, Teer oder Nougat? Besonders aber helfen die Illustrationen, wenn es um die Abläufe der Weinerzeugung geht. Persönlich finde ich jenen kleinen Strip am besten, der das fachgerechte Ausspucken des Weines beim Verkosten demonstriert. Die Zeichnungen lassen sich in solchen Fällen nicht auf das Illustrieren reduzieren, sondern sind künstlerisch gut.

Weinwissen & Sokrates

Umfassend ist das Buch allemal und liefert einen guten Überblick über die ebenso vielfältige wie faszinierende Welt des Weins. Auch bei der didaktischen B-Note erhält die Bloggerin (Miss GlouGlou) und Le Monde Autorin Ophélie Neiman eine Top Punktzahl. An manchen Inhalten mag man rumkriteln. So sind mir beispielsweise einige besonders geschätzte Regionen in Deutschland wie die Nahe deutlich zu kurz geraten. Und ein Text über die Pfalz, der ohne Spätburgunder auskommt, geht gar nicht. Eine Doppelseite nur für Spanien ist mir auch nicht genug. Aber dieser Makel liegt im Prinzip begründet. Wir reden über eine Einführung und keine Enzyklopädie. Um es mal in deutscher Bildlichkeit zu formulieren: Dem Buch geht es um den Wald und nicht um die Bäume. 

Um sich nicht zu verlaufen, ist diese Perspektive auf das Weinwissen genau richtig. Der Weg ins Spezielle und Detaillierte steht einem stets offen. Doch soviel sei vorab gesagt, nach jedem guten Weinbuch ist man auf die bekannte Einsicht des Sokrates verwiesen. Ich weiß nur genauer, wieviel ich nicht weiß. Wer es noch nicht ausprobiert hat, kann mit diesem Buch beginnen.

 

Michael Stolzke/Auf ein Glas

 

Ophélie Neiman
Wein – Vom Einsteiger zum Kenner
Der illustrierte Guide
DK Verlag
ISBN 978-3-8310-4356-9
Juni 2023
Übersetzung: Carla Gröppel-Wegener
288 Seiten, 189 x 242 mm, fester Einband
Mit farbigen Illustrationen